Beratung

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// Das Drehbuch-Handwerk in der Krise?

Als Lektor im Bereich Filmförderung habe ich etwa 250 Stoffe lektoriert, Tendenz: steigend. Unter die allermeisten hätte ich als Fazit schreiben können: “Gut gemeint, aber nicht gut erzählt.” (Was übrigens nicht zwangsläufig dazu geführt hätte, dass diese Projekte nicht gefördert werden, aber das ist eine andere Geschichte).

Wie ist diese ernüchternde Bilanz zu erklären? Bin ich vielleicht nur ein schlecht gelaunter Kritiker, der den Kreativen ihr Talent neidet? Nun, das ist vielleicht auch ein kleiner Teil der Wahrheit — aber es ist ganz sicher nicht die ganze Wahrheit.

Eine Kultur der Wertschätzung

In Deutschland fehlt es meines Erachtens an Wertschätzung für dramaturgisches Handwerk. Über die Gründe kann ich nur spekulieren. Eine Ursache könnte der Neue Deutsche Film der 1960er- und 70er-Jahre sein, der uns beigebracht hat, dass es besser ist, Regeln zu brechen als Regeln einzuhalten. Damals war das sicher richtig. Aber richtig ist eben auch, dass man Regeln kennen muss, um sie brechen zu können.

Ein anderer Grund sind meines Erachtens – und das kommt vielleicht ein wenig überraschend – die Drehbuchgurus aus Hollywood. Die Syd Fields, die Christopher Voglers, die Blake Snyders. Mit ihren allzu simplen Einheitsmodellen haben sie uns Europäer und Europäerinnen zu Dramaturgie-Skeptikern erzogen. Doch unsere berechtigte Skepsis hat dazu geführt, dass viele das Kind mit dem Bade ausgeschüttet haben, frei nach dem Motto: Lieber gar keine Regeln als solche, die unsere Kreativität auf ein “Malen nach Zahlen” reduzieren wollen! Die Lösung ist vermutlich ein gesunder Mittelweg.

Handwerk als Erfolgsfaktor

Für den langfristigen Erfolg ist erzählerisches Handwerk ein kaum zu unterschätzender Erfolgsfaktor. Mein übergeordnetes Ziel ist es, mit meiner Arbeit zu einer neuen Kultur der Wertschätzung beizutragen. Diese Kultur beginnt nicht erst bei der Förderung, sondern bereits in der Ausbildung: an den Filmhochschulen und überall dort, wo Drehbuchkurse angeboten werden.

Wertschätzung beginnt damit, dass wir gute Filme lieben lernen und ehrlich mit unseren eigenen Defiziten umgehen, anstatt ständig Preise zu vergeben für Filme, die es nicht verdient haben, — und damit letztlich nur unsere eigene Mittelmäßigkeit zementieren.

Dreidimensionale Geschichten

Mein Fokus als Lektor und Dramaturg sind dreidimensionale Geschichten. Darunter verstehe ich Geschichten, bei denen die Elemente Thema, Charakter und Plot eine Einheit bilden. Ohne ein dramatisches Thema fehlt es Geschichten an einem klaren Bauplan, einer Story-DNA. Solche Geschichten, die sich nur auf die “3-Akt-Struktur” und vielleicht ein kleines bisschen “Heldenreise” beschränken, bleiben im wahrsten Sinne des Wortes flach. Schlimmer noch, sie bleiben beliebig. Plots, die nicht in Figuren und einem Thema verankert sind, sind wie Krebsgeschwüre: Sie wachsen unkontrolliert und ohne erkennbare Richtung. Alles scheint möglich, aber nichts macht Sinn!

Wie ich arbeite …

Ein Lektorat ist immer auch eine Interpretation — und eine Interpretation kann manchmal falsch sein. Damit solche Fehler möglichst erst gar nicht passieren, lese ich jeden Stoff mindestens zwei Mal. Damit einher geht ein oft tagelanger Denkprozess. Ein detektivisches Aufspüren von Erzählmotiven. Ein Sichten möglicher Referenzwerke. Erst dann schreibe ich den ersten Entwurf meines Lektorats. Meist folgt ein zweiter, ein dritter, ein vierter …. Es ist ein bisschen, wie beim Drehbuchschreiben selbst: Die erste Fassung ist selten die beste.

… und was das kostet

So viel Liebe zum Detail hat natürlich ihren Preis, wie jedes gute Handwerk. Aber wenn man bedenkt, dass ein fertiger Film oft viele Millionen kostet, sind ein paar hundert oder ein paar tausend Euro für ein solides Fundament sicherlich eine mehr als lohnenswerte Investition.

Auf meinem Blog können Sie sich weitere Eindrücke davon machen, wie ich denke und arbeite (Spoiler! Es ist ein Prozess).

Respekt

Ich empfinde es als großes Privileg, mit Kreativen gemeinsam und spielerisch die Potenziale ihres Stoffs zu erkunden. Mein persönlicher Hintergrund (ich bin Buddhist und hatte schon als junger Mensch mit Krankheit und Tod zu tun) lässt mich mit sehr viel Respekt auf meine Mitmenschen blicken. Aber ich wäre ein schlechter Dramaturg, wenn ich jedes zweitklassige Drehbuch nur mit dem milden Lächeln eines Buddha quittieren würde.

Im tibetischen Buddhismus heißt es: “Ein echter Freund ist einer, der Dir deine verborgenen Fehler aufzeigt.” Genau diese Haltung versuche ich mir auch als dramaturgischer Berater zu eigen zu machen.

Grundlage dafür ist eine sehr optimistische Vision dessen, was Menschen (und zwar alle, ungeachtet von Religion, Herkunft, Geschlecht oder sozialer Klasse!) sein könnten, wenn sie sich nur nicht immerzu selbst im Weg stehen würden.

Jemand, der dieses Potenzial erkennt, wird so lange nicht locker lassen, bis es voll ausgeschöpft und verwirklicht ist.

Oder wie mein Lehrer zu sagen pflegte:

> “I love you, but …”